Nessler Shampoo
USA
Vom Londoner Erfinder zum amerikanischen Unternehmer
Als Charles Nestle (Karl Ludwig Nessler) 1915 in die Vereinigten Staaten kam, betrat er ein Land im industriellen Aufbruch. Elektrizität, Massenproduktion und neue Konsumgewohnheiten veränderten Wirtschaft und Gesellschaft – ideale Bedingungen für einen technisch denkenden Friseur mit unternehmerischem Ehrgeiz.
Was in London als experimentelle Innovation begonnen hatte, entwickelte sich in Amerika zu einem strukturierten Geschäftsmodell mit industrieller Perspektive.
New York – Zentrum der Expansion
Bereits wenige Jahre nach seiner Ankunft betrieb Nestle einen Salon in prominenter Lage:
657 Fifth Avenue, New York
(nachweisbar im Directory-Eintrag von 1918)
Nur wenige Blocks vom Central Park entfernt positionierte er sich im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zentrum Manhattans.
Hier war er nicht nur Inhaber, sondern auch praktisch tätig. Zeitungen konsultierten ihn zu Haartrends, und seine Dauerwellen-Technologie gewann zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit.
Patente und strategische Absicherung
1919 meldete er über die Nestle Patent Holding Co., Inc. ein weiteres Patent an.
Damit wurde deutlich: Seine Entwicklungen sollten nicht nur angewendet, sondern systematisch rechtlich geschützt werden.
In den folgenden Jahren reichte er zahlreiche US-Patente ein, unter anderem für:
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Dauerwellgeräte
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künstliche Wimpern
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Haaranalyse- und Messmethoden
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kosmetisch-technische Anwendungen
Die Vereinigten Staaten wurden damit zum zentralen Markt für die technische Weiterentwicklung seiner Ideen.
Nestle Patent Holding Co., Inc. (1917)
Ein zeitgenössischer Eintrag in The New York Times vom 10. Juli 1917 belegt die Gründung der Nestle Patent Holding Co., Inc. in Hornell, New York:
Nestle Patent Holding Co., Inc., Hornell, deal in patents and manufacture patented articles, 1,000 shares common stock no par value, active capital $5,000; W. H. O’Neil, H. G. Wenzel, C. Nessler, 575 Riverside Drive.
Quelle: New York Times, 10. Juli 1917,
„New Incorporations – New Jersey Charters – Delaware Charters“,
https://www.nytimes.com/1917/07/10/archives/new-incorporations-new-jersey-charters-delaware-charters.html?searchResultPosition=26
Branchenführung und öffentliche Stellung
Ein besonders aussagekräftiger zeitgenössischer Beleg für seine Position innerhalb der amerikanischen Beauty-Industrie findet sich in der New York Times vom 9. März 1926.
Dort wird er ausdrücklich bezeichnet als:
„Charles Nessler, President of the Master Hairdressers’ Association of America.“
Diese Nennung stammt aus einer zeitgenössischen Originalquelle und dokumentiert seine Stellung innerhalb der national organisierten Friseurbranche.
Der Artikel berichtet zudem über die wirtschaftliche Bedeutung der Beauty-Industrie in den Vereinigten Staaten. Laut dem Bericht hätten im Jahr 1925 rund 60 Millionen Frauen und Kinder amerikanische Schönheitssalons besucht – mit einem Gesamtumsatz von etwa 390 Millionen Dollar.
Dass Nessler in diesem Zusammenhang als Präsident einer nationalen Fachvereinigung genannt wird, unterstreicht seine damalige Bedeutung innerhalb der Branche.
Quelle:
The New York Times, 9. März 1926,
„Beauty Shops Took in $390,000,000 in 1925, Had 60,000,000 Customers, Says Nessler.“
Unternehmerisches Wachstum
In den 1920er-Jahren expandierte das Unternehmen über New York hinaus. Mehrere Standorte in verschiedenen US-Städten folgten. Die Dauerwelle war nicht länger eine exklusive Londoner Neuheit – sie wurde Teil einer wachsenden amerikanischen Schönheitsindustrie.
1928 kam es zum Zusammenschluss von C. Nestle & Co. mit der Firma Le Mur, woraus die Nestle-Lemur Company entstand.
Diese Phase markiert den Übergang von handwerklicher Innovation zur industriell organisierten Produktion und Vermarktung.
(Details dazu finden sich auf der Seite „Nestle-Lemur“.)
Späte Jahre in den USA
Charles Nestle blieb bis ins hohe Alter in den Vereinigten Staaten tätig. Neben seiner unternehmerischen Arbeit veröffentlichte er mehrere Bücher, darunter:
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The Story of Hair; its Purposes & its Preservation (1928)
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Our Vanishing Hair (1934)
Er starb am 22. Januar 1951 in Harrington Park, New Jersey.
Bedeutung der amerikanischen Phase
Seine Zeit in den Vereinigten Staaten steht für eine klare Transformation:
vom experimentierenden Erfinder
zum strukturierten Unternehmer
zum strategisch denkenden Patentinhaber
und zum öffentlich anerkannten Branchenvertreter
Die Vereinigten Staaten waren nicht nur ein neuer Markt – sie wurden zum wirtschaftlichen Zentrum seines Wirkens.