Nessler Shampoo
London 1906–1914
Wie aus einer Idee eine Revolution wurde
London um 1906. Pferdekutschen teilen sich die Straßen mit elektrischen Straßenbahnen. Theaterlichter spiegeln sich im nassen Asphalt des West End. In eleganten Salons wird über Mode gesprochen – und über Fortschritt.
Mitten in dieser Stadt arbeitet ein Mann aus dem Schwarzwald an etwas, das es so noch nie gegeben hat.
Karl Ludwig Nessler glaubt, dass sich Haar dauerhaft formen lässt. Nicht für einen Abend. Nicht für eine Woche. Sondern für Monate.
Über der Bakerloo Station
In der 245 Oxford Street, über der Bakerloo Railway Station, betreibt er seinen Salon. Wer die Treppe hinaufsteigt, betritt nicht nur einen Friseurbetrieb, sondern eine Werkstatt der Zukunft.
Metallstäbe. Elektrische Heizvorrichtungen. Kabel.
Der Geruch von Hitze und Haar.
Hier entstehen die ersten Versuche zur technischen Dauerwelle. Jeder Schritt ist Experiment. Jede Kundin ein Vertrauensbeweis.
1908 lässt Nessler sein Verfahren patentieren. Was zuvor belächelt wurde, ist nun geschützt – und marktreif.
„C. Nestlé“ – Bühne West End
Auf Anzeigen und Briefköpfen nennt er sich „C. Nestle“, wirbt mit dem Hinweis „Under Royal Patronage“ und tritt als „Court Hairdresser“ auf. London ist nicht nur Labor – es ist Bühne.
Die Oxford Street bringt Laufkundschaft, aber das West End bringt Prestige. Bald erscheinen weitere Adressen im Umfeld von South Molton Street und Dover Street – Straßen, die für Eleganz und gesellschaftlichen Rang stehen.
Das sogenannte „Haus der Dauerwelle“ in der South Molton Street wird zum sichtbaren Symbol seines Erfolgs. Die Fassade, geschmückt mit großen Frauenköpfen und wallendem Haar, ist mehr als Dekor. Sie ist Statement.
Technik, Mut und Risiko
Die frühen Apparate wirken aus heutiger Sicht fast archaisch. Elektrisch beheizte Metallwickler werden am Haar befestigt, Temperatur und Einwirkzeit müssen präzise kontrolliert werden. Fehler können Haar schädigen. Gelingen bedeutet Sensation.
Was Nessler entwickelt, ist keine Modeerscheinung. Es ist ein technischer Eingriff in die Haarstruktur – eine Verbindung aus Chemie, Elektrizität und Handwerk.
Er geht Risiken ein. Finanziell. Technisch. Persönlich.
Vom Friseur zum Unternehmer
Mit wachsendem Erfolg professionalisiert sich sein Auftreten. In dieser Londoner Phase taucht auch die Bezeichnung „C. Nestle & Co. Ltd.“ auf – ein Zeichen dafür, dass aus dem experimentierenden Friseur ein strukturierter Unternehmer geworden ist.
Die Jahre zwischen 1906 und 1914 sind Wendepunkt und Fundament zugleich. Hier entsteht nicht nur die Dauerwelle. Hier entsteht die Marke „Nestle“.
Als sich Europa politisch verändert und der Erste Weltkrieg näher rückt, verlagert sich Nesslers Schwerpunkt zunehmend in die Vereinigten Staaten.
Doch der Ursprung seines internationalen Erfolgs liegt im Londoner West End – zwischen Oxford Street, South Molton Street und Dover Street.
London in Kürze
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245 Oxford Street – Salon und Entwicklungsstätte
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Patentierung der Dauerwelle im Jahr 1908
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Präsenz im West End mit weiteren Adressen
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Auftreten als „C. Nestle“, „Court Hairdresser“, „Under Royal Patronage“
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Übergang zum unternehmerischen Auftreten